Aus NW-Treff wird "Gesundheit persönlich - das Franziskus Hospital informiert"

In unserer traditionsreichen Veranstaltungsreihe in Kooperation mit der Neuen Westfälischen Zeitung haben wir bisher regelmäßig persönlich über Medizinthemen informiert. Diese Informationsabende sind leider coronabedingt für das gesamte Jahr 2020 ausgesetzt.

Dr. Peter Stuckardt, Moderator und Chefredakteur dieser Reihe, hat für unsere Patienten und Besucher einmal detailliert bei unseren Behandlern und Referenten nachgefragt. Ihre Antworten können Sie in den folgenden Reportageepisoden lesen: 

Episode 1: Mit Blaulicht in die Harnblase | Dr. Andreas Hinkel

Die ernsthafte Sorge um seine Gesundheit stellte sich bei Friedhelm B. (57) nicht plötzlich, sondern eher schleichend ein. Zum wiederholten Mal war sein Urin nicht klar oder hellgelb, sondern eher rötlichbraun. Zudem war das Wasserlassen manchmal, aber nicht immer schmerzhaft. „Diese Anzeichen sollte man ernst nehmen und nicht darauf setzen, dass sie von allein verschwinden“ rät Dr. Andreas Hinkel, Chefarzt der Klinik für Urologie im Franziskus Hospital Bielefeld.

Denn die Verfärbung des Urins zeigt an, dass ihm Blut beigemischt ist.

Das kommt bei vielen Erkrankungen der Nieren oder der Harnwege vor. Aber Blut im Urin ist eben oft auch das erste Zeichen für einen bösartigen Blasentumor. Und für den gilt wie für die meisten Krebserkrankungen: Je früher sie erkannt und behandelt werden, desto größer sind die Chancen auf Heilung.

Wer also bewusst mit seiner Gesundheit umgeht, sucht bei anhaltenden Beschwerden seinen Hausarzt oder seine Hausärztin auf. Im Gespräch geht es dann zunächst um die Beschwerden, oft mit der Doktor-Frage „Was führt Sie zu mir?“ eingeleitet. Auch der Lebensstil wird den Arzt interessieren. Da empfiehlt es sich, die Karten auf den Tisch zu legen. Denn, so Hinkel klipp und klar: „Rauchen macht Blasenkrebs.“ Der Tabakkonsum ist in rund 70 Prozent aller Fälle die Ursache der Krankheit. Und das ist kein Wunder, wie Hinkel erläutert: Die krebserregenden Stoffe, die die Blasenschleimhaut schädigen, entstehen meist dort, wo etwas schwelend verbrennt. Beim Rauchen also. Über die Lunge und die Nieren landen diese Stoffe im Urin. Der wird in der Blase nicht nur gespeichert, er bleibt dort auch für einige Stunden. Hier entfalten die Krebserreger ihr schädliches Tun, bis sie ausgeschieden werden. 

Das Risiko, das von manchen  chemischen Substanzen ausgeht, ist heute nicht mehr so bedeutend wie früher, denn es ist schon lange bekannt und hat zu strengen  Vorschriften im Arbeitsschutz geführt.  In der chemischen Industrie oder im Maler- und Friseurhandwerk  werden solche Chemikalien deshalb heute nur unter hohen Sicherheitsvorkehrungen eingesetzt oder sind gleich ganz verboten.  Allerdings: Blasenkrebs entwickelt sich sehr langsam. Es können 40 Jahre vergehen, bis die Einwirkung der Chemikalie den Krebs auslöst.

Um den Ursachen für die Beschwerden weiter nachzugehen, wird der Arzt zunächst den Urin untersuchen. Liegt ein Infekt der Harnwege vor, verordnet er ein Antibiotikum. Hilft das nicht, kommt der Urologe ins Spiel. Gewissheit wird die Blasenspiegelung bringen.

Allein der Gedanke daran löst bei vielen, eher den meisten Patientinnen und Patienten Gänsehaut aus. „Das ist keine Untersuchung, bei der man sich gleich hinten wieder hintenanstellt, weil es so schön war“, kommentiert Friedhelm B. die Prozedur. Dr. Hinkel räumt ein: „Dass das nicht angenehm ist, ist klar. Aber man muss wirklich keine Angst davor haben.“ 

Was passiert bei der Blasenspiegelung?

Zunächst ist da die Wahl des Instrumentes, des Zystoskops, des „Blasenbetrachters“. Der Klassiker, das abgerundete Metallrohr mit einem Durchmesser von 7 bis 9 mm ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Der Dresdner Assistenzarzt  Maximilain Nitze präsentierte das erste urologische Endoskop 1879 in Wien. Die zweite Option ist die „Schwarze Mamba“, ein dünner elastischer Schlauch, der mit einer Kamera verbunden ist.
en Unterschied zwischen den Geräten macht  die Anatomie des Mannes. Die „schwarze Mamba“ ist für den männlichen Patienten angenehmer, da sie den Biegungen der Harnröhre besser folgen kann. Mittlerweile gibt es sowohl starre als auch flexible Zystoskope, die mit einem Arbeitskanal ausgestattet sind, über den Manipulationsgeräte eingeführt werden können.

Durch das Zystoskop, das durch die Harnröhre in die Blase geschoben wird, nimmt der Arzt nunmehr die Blasenschleimhaut in Augenschein. „Die ist normalerweise relativ glatt“, erklärt Dr. Hinkel. Ein Tumor zeigt sich dann zum Beispiel wie ein kleiner Blumenkohl.
Da schädigende Substanzen die Blase an jeder Stelle benetzen, können solche Tumore überall in der Blase sitzen. Und es können sich immer wieder neue entwickeln, an anderer, aber auch an derselben Stelle.

Gerade flache Tumore sind schwer zu erkennen.  Abhilfe schafft die Fluoreszenz-Endoskopie der Blase. Dazu wird die Blasenschleimhaut mit einem Fluoreszenzfarbstoff (Hexaminolävulinat) gespült. Blasenkrebszellen reichern die Substanz an. Wird die Schleimhaut nun mit blauem Licht bestrahlt, leuchten die Tumorzellen rot. Das Verfahren bringt, so Dr. Hinkel, Vorteile für den Patienten, weil sonst bis zu einem Drittel der Tumoren übersehen werden kann, aber es erfordert „die erfahrene Hand“ und sollte „nicht mit der Gießkanne angewendet“ werden.
Hat der Urologe einen Tumor gefunden, so ist die Frage: Wie tief ist er in den Körper eingedrungen?

Tapete, Putz - oder schon in der Mauer?

Zur Erklärung greift Hinkel zu einem Bild: Die Harnblase ist aufgebaut wie eine Zimmerwand: Die Schleimhaut ist die Tapete, die Bindegewebszone ist der Putz, der Muskel ist die Mauer. Sitzt der Tumor an der Oberfläche wird er wie Unkraut im Garten direkt entfernt.  Nach vier bis sechs Wochen schaut der Arzt dann noch einmal nach, ob alle bösen Stellen beseitigt sind.
Das war es dann erstmal. 
70 bis 80 Prozent aller Tumore können so behandelt werden, bei regelmäßiger Kontrolle sind die Heilungschancen gut.

Anspruchsvoller wird die Therapie, wenn ein Tumor sich in die Muskulatur gefressen hat. Dann ist das Ausschälen nicht mehr ausreichend. Es droht die Streuung der Krebszellen in den Körper. Die Standardtherapie ist dann die Entfernung der gesamten Harnblase. Und wie geht es dann weiter?

Drei Alternativen für die Harnableitung

Bei der einfachsten Form der nun notwendigen operativen Harnableitung werden die Harnleiter direkt an die Haut eingepflanzt (Harnleiter-Haut-Ausgang). Der Urin wird kontinuierlich aus den Nierenbecken über die Harnleiter bis zu ihrer Mündungsstelle in der Haut transportiert. Ein selbstklebendes Beutelsystem zum Abfangen des Urins an die Bauchdecke angebracht.
Mit einer anderen Technik wird der  Harnleiter in das eine Ende eines Darmsegments eingepflanzt. Das andere Ende wird in der Bauchdecke ausgeleitet. Der Urin fließt kontinuierlich von den beiden Harnleitern in das Darmsegment und über ein Stoma nach außen ab, wo er in einem an die Bauchdecke angeklebten Beutelsystem aufgefangen wird.

Die aufwändigste Methode ist die Formung einer neuen Harnblase. Dazu schneidet  der Urologe zunächst ein Stück des Dünndarms heraus. Aus dem rohrförmigen Darm formt er dann eine Platte, die an ihren Außenkanten vernäht wird. Dieses neue Reservoir wird im oberen Bereich mit den Harnleitern, im unteren Bereich mit der Harnröhre verbunden. Da der Schließmuskel erhalten bleibt, muss der Patient nur lernen, die Blase leer zu drücken. Das neue Reservoir kann zudem mit einem Schleimhaut-Ventil ausgestattet werden.

Die Klinik von Dr. Hinkel bietet alle drei Methoden an. Mit einem deutlichen „aber“: Man muss im Einzelfall gut abwägen, ob sich die Technik der neuen Blase für den Patienten eignet. Hinkel: „Da legen wir die Messlatte hoch, weil wir die Komplikationen kennen.“

Für Friedhelm B. blieben all diese Erwägungen zu seiner großen Erleichterung theoretisch. Das Blut in seinem Urin stammt aus Krampfadern am Blasenhals als Folge einer gutartig vergrößerten Prostata.

 

Kontakt: Dr. Andreas Hinkel
Chefarzt der Klinik für Urologie | Prostatazentrum
Telefon: 0521 589-1401
E-Mail: urologie@franziskus.de

 


 
Episode 2: Auf dem Rückweg zur Normalität | PD Dr. Heiko Schotte

Chefarzt Privatdozent  Dr. Heiko Schotte macht sich Gedanken. Natürlich um die fachgerechte und gute Versorgung der Patientinnen und Patienten im Franziskus Hospital. Sowieso. Was ihn derzeit aber noch mehr bewegt, ist die mit Zahlen belegbare Vermutung, dass viele Menschen zu Haues bleiben. Nicht zum Arzt gehen und ihre Leiden verschleppen. Das kann im Extremfall tödlich enden. Genauso tödlich  wie eine schwer verlaufende Covid-19 Infektion.

Der bundesweite Trend, den Arztbesuch zu meiden, ist auch an der Entwicklung der Behandlungszahlen im Franziskus-Hospital abzulesen. Wie gefährlich das ist, illustriert Heiko Schotte am Fall eines Patienten: Ralf W. (Name geändert) ein mit Mitte 40 noch junger Mann, war mit einem zunächst recht banalen bakteriellen Infekt zu Hause geblieben. „Die sich daraus entwickelnde Lungenentzündung ist dann erst sehr spät behandelt worden“, bedauert Schotte. Ralf W. war aus Angst vor Ansteckung nicht zum Arzt gegangen. Die Ärzte, die ihn in bereits kritischem Zustand in ihre Obhut nahmen, konnten dann im Verlauf eine Blutvergiftung und deren Folgen  (septisches Multiorganversagen) nicht mehr verhindern.. Das besonders Tragische an dem Fall: Es war nicht Covid-19, der Patient war nicht mit Corona-Viren infiziert, alle Tests zeigten ein negatives Ergebnis.

Nur spekulieren kann der Chef der Klinik für Allgemeine Innere Medizin über die gesundheitlichen Folgen des Rückgangs bei den   Patientenzahlen   für     Herz-

oder Schlaganfallpatienten. Hatte sich doch in den letzten Jahren in der Bevölkerung zunehmend ein Bewusstsein dafür herausgebildet, dass man keine Zeit verlieren darf, wenn man Druck oder Schmerzen auf der Brust spürt oder äußere Anzeichen eines Schlaganfalls feststellt. „Doch die Menschen haben Angst und solche Sorge vor Ansteckung, dass sie sich selbst gefährden“, fürchtet Schotte.

Ansteckungsrisiko im Krankenhaus ist minimal

„Dabei ist das Ansteckungsrisiko im Franziskus Hospital verschwindend gering“, sagt Dr. Schotte und ergänzt: „Dafür treiben wir einen immensen Aufwand.“

Zum Beispiel wurde eine komplette Normalstation zur Infektionsstation mit 26 Betten umfunktioniert. Insgesamt werden für den Bedarfsfall  23 Beatmungsplätze vorgehalten.

Anfangs, so berichtet Schotte, seien Desinfektionsmittel und Schutzkleidung für das Personal „extrem kontingentiert“ gewesen. Aber nicht zuletzt dank großzügiger Spenden aus der Bielefelder Industrie sei die Klinik durchgehend relativ gut versorgt gewesen: „Für die Spenden sind wir sehr, sehr dankbar, weil wir einen immensen Ressourcenverbrauch haben.“

Das Versorgungssystem im Klösterchen, so nennen die Bielefelder das Franziskus-Hospital, war bislang zu keinem Zeitpunkt der Epidemie überlastet. Bisher sind acht Corona-Patienten, davon vier zeitgleich versorgt worden. Die im Verhältnis zu den vorgehaltenen Betten eher geringe Zahl der Patienten – ein Faktor, der auf alle Bielefelder Kliniken zutrifft –ist für den Chefarzt kein Anlass für Kritik: „Keiner wusste doch, was da auf uns zukommen würde, und wir wären auch mit viel größeren Fallzahlen fertig geworden.“ Auch der Geschäftsführer des Franziskus-Hospitals, Dr. Georg Rüter, äußert sich in einem Beitrag für die Juni-Ausgabe der Fachzeitschrift „Das Krankenhaus“ lobend über das Krisenmanagement in Deutschland. Auch wenn sich im Rückblick über Details der Ausgestaltung streiten lasse, bleibe festzuhalten, „dass der Rettungsschirm die personelle, infrastrukturelle und auch finanztechnische Funktionstüchtigkeit der Krankenhäuser flächendeckend sichergestellt hat.“

In einem, wie Privatdozent Dr. Schott betont, „vorläufigen“ Fazit, denn die Tendenz der rückläufigen Fallzahlen könne sich jederzeit umkehren, zeigt sich der Chefarzt auch mit der Teamarbeit im Zeichen von Corona zufrieden: „Alle Mitarbeitenden, die anfangs natürlich auch große Angst vor Ansteckung hatten, haben im Umgang mit den Patientinnen und Patienten zunehmend an Sicherheit gewonnen. Dazu haben viele Schulungsmaßnahmen beigetragen. „Jenseits der unmittelbaren therapeutischen Aufgaben haben wir unter anderem das An- und Ausziehen geübt und Reinigungsverfahren standardisiert, damit keine Keime verschleppt werden konnten. So konnten sich alle Beteiligten immer mehr auf die Versorgung der Patienten als auf den Eigenschutz konzentrieren.


Krisenstab für die interdisziplinäre Abstimmung 

 „Jeden Morgen hatten wir eine Krisenstabssitzung, in der die aktuelle Entwicklung diskutiert worden ist. Das Therapieregime ist von einem interdisziplinären ärztlichen Interventionsteam abgestimmt worden. „Unser Wissen steht ja noch am Anfang“, so Schotte. „Wir haben aber jeden Tag neue Erkenntnisse über die Krankheit gewonnen, die unser Tun beeinflussen. So hat sich unser Augenmerk zum Beispiel auf die Kaskade der Blutgerinnung und die Blutverdünnung gelegt.  Wir lernen gerade, mit Augenmaß zwischen Vorbeugung und therapeutischer Intervention in der Gerinnungshemmung zu entscheiden. Wir haben durchaus schwere Verläufe bei jungen  Patienten, Thrombosen der großen Blutgefäße und einen schweren Schlaganfall unter der Beatmungstherapie gesehen. Eine Verharmlosung der neuen Krankheit ist keinesfalls angebracht.“  

Zunächst ist der Isolationsbereich im Franziskus-Hospital wieder drastisch reduziert worden, Besucher können ihre kranken Angehörigen wieder besuchen, die Versorgung auch mit planbaren Behandlungen wird wieder hochgefahren.

Vor diesem Hintergrund ist der Appell des Arztes zu verstehen, dass Patientinnen und Patienten auf ihren Körper hören und ernste Krankheitssymptome nicht aus Angst vor der Infektion  ignorieren sollten.

 

Kontakt: 
PD Dr. med. Heiko Schotte
Chefarzt der Klinik für Allgemeine Innere Medizin
Tel. 0521 589-1101
heiko.schotte@franziskus.de